Der goldne Topf 34

Veronika sucht die Wahrsagerin auf, die sich als Äpfelweib entpuppt

– Angelika’s Erzählung warf einen Funken in Veronika’s Gemüth, der schnell den Gedanken entzündete, die Alte über den Anselmus und über ihre Hoffnungen zu befragen.

Sie erfuhr, daß die Alte Frau Rauerin hieße, in einer entlegenen Straße vor dem Seethor wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr Abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu treffen sey, und es gern sähe, wenn man allein komme.

– Es war eben Mittwoch, und Veronika beschloß, unter dem Vorwande, die Osters nach Hause zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der That ausführte.

Kaum hatte sie nämlich von den Freundinnen, die in der Neustadt wohnten, vor der Elbbrücke Abschied genommen, als sie geflügelten Schrittes vor das Seethor eilte, und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen Straße befand, an deren Ende sie das kleine rothe Häuschen erblickte, in welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen unheimlichen Gefühls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor der Hausthür stand.

Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die Thür öffnete und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock führte, wie es Angelika beschrieben.

„Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?“ rief sie in den öden Hausflur hinein, als sich Niemand zeigte; da erscholl statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein großer schwarzer Kater schritt mit hochgekrümmtem Rücken, den Schweif in Wellenringeln hin und her drehend, gravitätisch vor ihr her bis an die Stubenthür, die auf ein zweites Miau geöffnet wurde.

„Ach, sieh da, Töchterchen, bist schon hier? komm herein – herein!“

So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick Veronika an den Boden festbannte.

Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen gehülltes Weib! – indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn, verzog sich das zahnlose Maul, von der knöchernen Habichtsnase beschattet, zum grinsenden Lächeln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken werfend durch die große Brille.

Aus dem bunten um den Kopf gewickelten Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Gräßlichen erhoben das ekle Antlitz zwei große Brandflecke, die sich von der linken Backe über die Nase wegzogen.

– Veronika’s Athem stockte, und der Schrei, der der gepreßten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog.

Drinnen regte und bewegte sich Alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und Gekrächze und Gepipe durch einander.

Die Alte schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater, als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem großen Polsterstuhle sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen.

Goethe: Hexenküche, Meerkatzen

– So wie es still wurde, ermuthigte sich Veronika; es war ihr nicht so unheimlich als draußen auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht mehr so scheußlich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher!

– Allerhand häßliche ausgestopfte Thiere hingen von der Decke herab, unbekanntes seltsames Geräthe lag durch einander auf dem Boden und in dem Kamin brannte ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte Fledermäuse wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der rußigen Mauer, und dann erklangen schneidende, heulende Jammertöne, daß Veronika von Angst und Grausen ergriffen wurde.

„Mit Verlaub, Mamsellchen,“ sagte die Alte schmunzelnd, erfaßte einen großen Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin.

Da erlosch das Feuer, und wie von dickem Rauch erfüllt, wurde es stockfinster in der Stube; aber bald trat die Alte, die in ein Kämmerchen gegangen, mit einem angezündeten Lichte wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Thieren, von den Geräthschaften, es war eine gewöhnliche ärmlich ausstaffirte Stube.

Die Alte trat ihr näher und sagte mit schnarrender Stimme: „Ich weiß wol, was Du bei mir willst, mein Töchterchen; was gilt es, Du möchtest erfahren, ob Du den Anselmus heirathen wirst, wenn er Hofrath worden.“

– Veronika erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: „Du hast mir ja schon Alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? Töchterchen, höre!

Laß ab, laß ab von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen Söhnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben Söhnlein, den Aepfelchen mit den rothen Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus den Taschen in meinen Korb zurückrollen.

Er hält’s mit dem Alten, er hat mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, daß ich beinahe darüber erblindet.

Du kannst noch die Brandflecken sehen, Töchterchen!

Laß ab von ihm, laß ab!

– Er liebt Dich nicht, denn er liebt die goldgrüne Schlange, er wird niemals Hofrath werden; weil er sich bei den Salamandern anstellen lassen, und er will die grüne Schlange heirathen, laß ab von ihm, laß ab!“

– Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes Gemüth hatte und mädchenhaften Schreck bald zu überwinden wußte, trat einen Schritt zurück, und sprach mit ernsthaftem gefaßten Ton: „Alte! ich habe von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken gehört, und wollte darum, vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wol Anselmus, den ich liebe und hochschätze, jemals mein werden würde.

Wollt Ihr mich daher, statt meinen Wunsch zu erfüllen, mit Eurem tollen unsinnigen Geschwätze necken, so thut Ihr Unrecht, denn ich habe nur gewollt, was Ihr Andern, wie ich weiß, gewährtet.

Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten Gedanken wisset, so wäre es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir Manches zu enthüllen, was mich jetzt quält und ängstigt, aber nach Euern albernen Verläumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts erfahren. Gute Nacht!“

 

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