Der goldne Topf 33

Angelika Oster berichtet von einer Wahrsagerin, die ihr über ihren vermissten Verlobten erzählt habe

Da trat Fränzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle Drei sich schnell besinnend, lachten über ihre eigne Albernheit.

Angelika, so hieß die älteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand, und von dem die Nachrichten so lange ausgeblieben, daß man an seinem Tode, oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte.

Dies hatte Angelika in die tiefste Betrübniß gestürzt, aber heute war sie fröhlich bis zur Ausgelassenheit, worüber Veronika sich nicht wenig wunderte und es ihr unverhohlen äußerte.

„Liebes Mädchen, sagte Angelika, glaubst Du denn nicht, daß ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! – ach Gott – so glücklich, so selig in meinem ganzen Gemüthe! denn mein Viktor ist wohl, und ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschmückt mit den Ehrenzeichen, die ihm seine unbegränzte Tapferkeit erwarben, wieder.

Eine starke, aber durchaus nicht gefährliche Verwundung des rechten Arms, und zwar durch den Säbelhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthalts, da er durchaus sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unmöglich, mir Nachricht zu geben, aber heute Abend erhält er die bestimmte Weisung, sich erst ganz heilen zu lassen.

Er reiset morgen ab um herzukommen, und indem er in den Wagen steigen will, erfährt er seine Ernennung zum Rittmeister.“

– „Aber, liebe Angelika, fiel Veronika ein, das weißt Du jetzt schon Alles?“

– „Lache mich nicht aus, liebe Freundinn, fuhr Angelika fort, aber Du wirst es nicht, denn könnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine graue Männchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken?

– Genug, ich kann mich von dem Glauben an gewisse geheimnißvolle Dinge nicht losmachen, weil sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, möcht’ ich sagen, in mein Leben getreten.

Vorzüglich kommt es mir denn nun gar nicht einmal so wunderbar und unglaublich vor, als manchen Andern, daß es Leute geben kann, denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte untrügliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen.

Es ist hier am Orte eine alte Frau, die diese Gabe ganz besonders besitzt. Nicht so, wie Andere ihres Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende Person Theil nimmt, erscheint in einem hellpolirten Metallspiegel ein wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte deutet, und aus ihnen die Antwort auf die Frage schöpft.

Ich war gestern Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle.“

 

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