Filmkompetenz – film literacy 1

Das Thema Filmkompetenz droht derzeit im Hype der sozialen Medien unterzugehen. Dabei werden die Möglichkeiten handlungsorientierter Filmdidaktik noch lange nicht in jedem Unterrichtskontext ausgeschöpft.

Was?

Was heißt Filmkompetenz? Das englische Wort literacy macht es deutlicher:

Es geht nicht nur um das Lesenkönnen, sondern auch um das Schreibenkönnen. Also nicht nur rezipieren, sondern auch produzieren. Filme gucken, besprechen, analysieren, ok – aber vor allem auch selbst machen!

Warum?

“Film ist in unserer von Medien dominierten Welt ständig präsent. Gerade für Kinder und Jugendliche ist ein bewusster Umgang mit Film unverzichtbar. Deshalb ist es wichtig, Filmerziehung in deutsche Lehrpläne zu integrieren. […] Film muss in jedem Unterrichtskontext seinen Platz finden – über den fachbegleitenden bzw. unterrichtsergänzenden Einsatz hinaus.”

(Quelle: Filmkompetenzerklärung 2003)

Wer?

Mädchen jedenfalls anders als Jungen: Über Zahlen und Trends beim Medienkonsum geben die jährlichen JIM-Studien Auskunft. Die Daten werden für Mädchen und Jungen getrennt erhoben, so dass sich hier deutlich differenzieren lässt:
Lieblingssendung im Fernsehen 2015/Bevorzugtes Medium (YouTube/TV)

Wie?

“Noch drei Filme bis zu den Ferien”
Filmzeigen hat einen schlechten Ruf. Der Lehrkraft wird Bequemlichkeit unterstellt, Filme seien Lückenfüller oder Babysitter, am Ende des Schuljahres mache sich die Noch-drei-Filme-bis-zu-den-Ferien-Stimmung breit.
Und was lese ich hier? Der Freistaat Bayern bezahlt seine Lehrer nicht, wenn sie nur einen Film zeigen?

“Wenn ein Kollege auf Fortbildung oder krank ist, lautet mein Auftrag: ein adäquates Ersatzprogramm bieten. Ganz entspannt einen Film einschieben, ist also nicht – auch wenn Schülern diese Art der Vertretungsstunde noch am liebsten ist. Neben erzieherischen Gründen kommt hier, zugegeben, auch Eigennutz ins Spiel: Eine Vertretungsstunde, in der ich nur Aufsicht mache oder einen Film zeige, kann ich nicht als Überstunde abrechnen.”

(Quelle: Lehrer-Blog in der Süddeutschen)

Was SuS Spaß macht oder zur Unterhaltung dient, ist sowieso anrüchig. Alle Jahre wieder gibt es irgendeine schlaue Veröffentlichung, in der Pädagogen die Unvereinbarkeit von Schule und Spaß fordern und feiern. Aber halt, was lese ich hier? Filmegucken macht SuS gar keinen Spaß? SuS machen sowieso lieber Mathe? So hat es jedenfalls user:teacher in einer Vertretungsstunde erlebt: “Mathematischer Müllhaufen”

Zurück nach Bayern. Was sagt der Lehrplan zum Thema Filmezeigen:

“‘Filme zeigen’ ist nach allgemeinem Urteil didaktisch in Verruf geraten, weil die Schülerinnen und Schüler dabei allzu leicht in passive Rezeption verfallen und dadurch zu der Meinung gelangen können, sie brauchten dabei nichts zu tun oder zu lernen. Vor diesem Hintergrund ist ein wohlbedachter und wohldosierter Einsatz des Mediums erforderlich, der die rezeptive Haltung der Schülerinnen und Schüler aufbricht und zu einen produktiven Umgang mit dem Medium anregt.”

(Quelle: ISB München: “Filme im Ethikunterricht”)

Kann Rezeption passiv sein?

“Der Rezipient ist [..] diejenige Person, die sich informieren will [..]. Dabei spielt er bereits eine aktive Rolle, da er ‘aufnahmebereit’ ist.”

(Quelle: Wikipedia: Rezipient)

“Der Begriff Rezeption […] bezeichnet in der Kunst die verstehende Aufnahme eines Werks durch den Betrachter, Leser usw. Er umfasst vielfältige Arten der Wahrnehmung und Verarbeitung von Werken, die von der Lektüre und dem Verstehen des Einzelnen bis zu den Reaktionen des Kulturbetriebs und der Kritiker reichen.”

(Quelle: Wikipedia: Rezeption (Kunst))

Man könnte ja auch mal die Biologen fragen, was alles passiert, wenn ein Reiz auf die Netzhaut trifft…

Gemeinsames Filmgucken ist anachronistisch!

In einer Zeit, in der die Mehrzahl der SuS über eigene mobile Endgeräte verfügt, mit denen sie jeder Zeit Filme streamen, downloaden, verschicken, anschauen, und zeigen können, hat das gemeinsame Filmgucken im Unterricht schon fast etwas Anachronistisches.

Lasset uns anachronistisch sein!

In einer Zeit, in der die Lieblingsbeschäftigung beim Fernsehen das gleichzeitige Hantieren mit dem Smartphone ist (siehe JIM-Studie), könnte das gemeinsame Anschauen eines Spielfilms einen ganz eigenen neuen alten Wert erhalten. Und zwar: von Anfang bis Ende, Mit Vorspann und Abspann, ohne irgendeine “wohldosierte” Zerstückelung, ohne dass jemand wie zu Hause herumzappt, ohne dass der Gong nach 45 Minuten ein sachfremdes Ende setzt, ohne dass lehrreiche Analyseaufträge zwischengeschaltet werden, damit die Überstunde bezahlt wird – und natürlich ohne gleichzeitige Bedienung der mobilen Endgeräte!

“Bei der Filmrezeption in der Schule wie im Kino sollte das ästhetische Erlebnis jeder analytischen und didak­tischen Beschäftigung vorausgehen. Dieses Erlebnis ist Ausgangspunkt des Lernprozesses.”
(Quelle: visionkino.de)

Gemeinsam über einen etwas längeren Zeitraum eintauchen in eine andere Welt, sich emotional und geistig mitreißen lassen, unmittelbar erleben und erfahren – wichtiges Gegenprogramm in einem durch Methodenfeuerwerk und Minuten-Taktung zerhackten täglichen Unterrichtsgeschehen!

Oder wirklich produktiv…

Lehrerhandreichungen für Arbeitsaufträge (pre-, while-, post-viewing), die den Einsatz des Mediums Film instrumentalisieren, pädagogisch aufwerten und rechtfertigen sollen, gibt es zuhauf. Ihre Funktionen reichen von Verständnisklärung, Inhaltswiedergabe und Inhaltssicherung über die Analyse von Plot und Story, Kameraführung, Schnitt usw. bis hin zu Interpretation und Gesamtdeutung. Das hat alles seine Berechtigung, ist aber keinesfalls die einzige und schon gar nicht die einzig richtige mögliche Vorgehensweise. Und es ist alles immer noch Rezeption, meinetwegen “aktive Rezeption”.

Lesenlernen durch Schreibenlernen

Aber literarcy heißt nicht nur Lesenlernen, sondern auch Schreibenlernen. Vielleicht sogar – im Sinne des learning by doing – Lesenlernen durch Schreibenlernen.

Einwand Aufwand = Vorwand

In einer Zeit, in der fast alle Kinder und Jugendlichen ein – freilich in der Schule abgeschaltetes – Gerät bei sich führen, mit dem man nicht nur Filme anschauen, sondern selbst Ton-, Bild- und Filmaufnahmen machen kann, ist nichts einfacher, als genau diese Geräte beim Lehren und Lernen (gerne “wohlbedacht” und “wohldosiert”) einzusetzen. Kein aufwändiges Ausleihen einer Filmkamera bei der Bildstelle, keine aufwändige Projekttagsorganisation – einfach das benutzen, was ja sowieso da ist, im ganz normalen Unterrichtskontext.

©ankehueper

 

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