Anthropozän 4 – Geologie oder Geoethik?

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Kulturlandschaft in Untergangsstimmung ©ankehueper

Die Macht der Wörter

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Das Wort “Anthropozän” ist ein Neologismus, der 2000 von den Naturwissenschaftlern Paul J. Crutzen and Eugene F. Stoermer zur Benennung einer neuen geologischen Epoche vorgeschlagen wurde:

“Considering these and many other major and still growing impacts of human activities on earth and atmosphere, and at all, including global, scales, it seems to us more than appropriate to emphasize the central role of mankind in geology and ecology by proposing to use the term ‘anthropocene’ for the current geological epoch. The impacts of current human activities will continue over long periods.”

(Quelle: The “Anthropocene” by Paul J. Crutzen and Eugene F. Stoermer; in: IGBP Newsletter 41, May 2000, Download der PDF-Datei)

Diskurs und Diskursanalyse

Seither arbeiten sich Wissenschaftler und Journalisten nicht nur an der Frage ab, ob es überhaupt eines neuen Epochenbegriffs bedarf, auf welchen Anfangszeitpunkt die neue Epoche festgelegt werden sollte (irgendwann zwischen Neolithischer Revolution und der Zündung der ersten Atombombe) und ob es eher unzulässig oder umgekehrt sogar wünschenswert sei, den neuen, zunächst wertfrei gedachten, Begriff bereits für einen z.B. wachstumskritischen Diskurs zu vereinnahmen.

Deskriptiv oder normativ?

Wenn man den Blick schärfen will für den Unterschied zwischen beschreibender (deskriptiver) und wertender (normativer) Sprache, könnte man einerseits das o.g. Zitat analysieren lassen (inwieweit ist der verwendete Wortschatz deskriptiv/normativ? “still growing”, “impacts”, “human activities”, “central role”), andererseits z.B. den Wortschatz im Wikipedia-Artikel “Anthropozän” betrachten (“Artensterben”, “Artenverschleppung”, “Versauerung”, “Lichtverschmutzung”, “Atomkrieg”, “Überfischung”, “Vermüllung”, “‘Plastik-Planet'” usw.).

Rettung der Geographie?

Mehr als manch andere Disziplin ist die Geographie ständig mit Selbstneuerfindung und Selbstdarstellung befasst, was an ihrer interdisziplinären Ausrichtung liegen mag, aber auch mit bildungspolitischen Entscheidungen und ideologischer Vereinnahmung zu tun hat.
Nun scheint das “Anthropozän” zum neuen Rettungsanker der Geographie zu werden:

“Viele Geografen befürworten das Anthropozän-Konzept, weil es längst überfällig physische Geografie und Humangeografie wieder zusammenbringt […].”

(Quelle: Gábor Paál: “Meinung: Das Anthropozän muss wissenschaftlich bleiben!” in: spektrum.de vom 20.05.2015)

Wer also beklagt, dass die Kontingentstundentafeln der Schulen das Fach Geographie in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu Gunsten anderer Fächer oder Fächerverbünde geschrumpft haben, kann sich freuen, dass in einigen der verbliebenen Stunden nun das Anthropozän-Konzept unterrichtet werden soll (vgl. z.B. Bildungsplan 2016 Baden-Württemberg). Wer weiß, vielleicht erzeugt das eine positive Rückkopplung…

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