Lektüren parallel lesen lassen 4 (Kurzessay)

Der Seelenwellenbrecher

Psychothriller und Novelle nehmen es miteinander auf
©ankehueper

Kurz muss sie sein, wenig wiegen, kostengünstig, spannend und lustig, sowohl weibliche als auch männliche Identifikationsfiguren enthalten, literarisch wertvoll, politisch korrekt, ethisch unanfechtbar, dabei genügend Zündstoff für Diskussionen bieten, trotzdem auch den Eltern ins Erziehungskonzept passen, zeit- und altersgemäß, cool und angesagt

muss sie sein, also gerne auch mit ein paar Tabubrüchen und expliziten Kapiteln garniert, passende Lektürehilfen sollten bei den Geschwistern noch im Regal stehen, fertige Charakteristiken oder alte Klausuren sollten sich auch irgendwo auftreiben lassen, am besten ist sie natürlich auch schon verfilmt – die ideale Schullektüre.

Wenn der Pädagoge jetzt immer noch nicht weiß, welches Werk der Gegenwartsliteratur für die Kursstufe am besten geeignet ist, lässt er die Schüler entscheiden. Das Leitbild der Schule gibt ihm Recht: „Wo es möglich ist, Unterrichtsinhalte (…) auszuwählen, werden Schülerinnen und Schüler an der Unterrichtsplanung (…) beteiligt.‟ Aber was, wenn die Schüler Stephen King vorschlagen? Oder Charlotte Roche? Oder E. L. James? Oder „Die kleine Raupe Nimmersatt‟?

Für die Zusammenstellung einer ernst zu nehmenden Auswahl erwies sich dieses Verfahren als brauchbar: Jeder musste einen wohl begründeten Vorschlag per E-Mail einreichen. Dabei kam folgende Liste heraus: Der Seelenbrecher oder Therapie (Sebastian Fitzek), Totensonntag (Andreas Föhr), Teuflische Versprechen (Andreas Franz), Schweigeminute (Siegfried Lenz), Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet (Herta Müller), Böser Wolf (Nele Neuhaus), Tabu (Ferdinand von Schirach), Lila, Lila (Martin Suter) und Die Entdeckung der Currywurst (Uwe Timm).

Auch für die Abstimmung wurde das E-Mail-Verfahren gewählt, eine wunderbare Idee: kein Gruppendruck, keine verlorene Unterrichtszeit, jeder konnte im stillen Kämmerlein recherchieren, begründen und formulieren, niemand musste sich vor den anderen als Weichei oder Streber outen. Und dann das Dilemma: Eine knappe Mehrheit entschied sich für einen Psychothriller – eine knappe Minderheit hingegen sah sich emotional auf gar keinen Fall in der Lage, einen Thriller zu verkraften.

Da zieht der Pädagoge den höchsten Trumpf aus dem Zauberhut: die Binnendifferenzierung. Und so kam es, dass Fitzeks Seelenbrecher und Lenz’ Schweigeminute gleichzeitig durchgenommen wurden. Jeder las sein Werk, mancher auch beide, am Ende konnte man sogar Äpfel mit Birnen vergleichen, aspektorientiert versteht sich: Was hat der Erzähler verloren? Sein Gedächtnis bei Fitzek, die Geliebte bei Lenz. Worin besteht die Quest? Hier den Schlüssel zu den Rätseln des Mörders, dort einen Weg zur Trauerbewältigung finden. Wie glaubwürdig kommen Plot und Protagonisten rüber? Weder hier noch da besonders. Worüber kann man diskutieren? Menschenversuche. Verbotene Liebe. Was wird gebrochen? Seelen. Wellen.

©ankehueper

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *